Mercedes-Benz

Tattoo-Studio Stitch.

18. April 2019

Kunst am Körper.

Für viele sind sie eine Mode, für einige eine Lebensart, für manche unvorstellbar. Fest steht: Tattoos gehen jedem unter die Haut. Einige der besten Künstler aus der europäischen Tätowierer-Szene gastieren regelmäßig bei Stitch, einem Tattoo- und Piercing-Studio mitten im beschaulichen Mainz-Bretzenheim.

Tiere werden bei Stitch weder gepierct noch tätowiert. Aber für das Maskottchen Kurt wurde eine Ausnahme gemacht.

Im Hintergrund läuft leise Musik. Ansonsten ist es fast gespenstisch still in dem aufgeräumten Tattoo-Studio. Wären da nicht die Fotos mit gepiercten Models und einige Tattoo-Magazine, könnte man sich fast fühlen wie im Wartezimmer einer Arztpraxis. Nur aus einem der hinteren Zimmer dringt ein leises Summen wie von einer Haarschneidemaschine. Hier bearbeitet Christos Zorbas seit vier Stunden den Unterarm eines Kunden, der sich derweil mit seinem Smartphone die Zeit vertreibt.

7.500 Mal pro Minute einen Stich machen.

Zorbas trägt einen Gehörschutz und bekommt nichts um sich herum mit. Während er mit der linken Hand die Haut auf Spannung hält, dringen die Nadeln der Tätowiermaschine bis zu 7.500 Mal pro Minute in die Epidermis ein, die zweite Hautschicht, wo sie mit jedem Eindringen ein bisschen mehr Farbe hinterlassen. Minute für Minute, Farbpunkt für Farbpunkt entsteht so in den nächsten zehn Stunden das Konterfei von Brian Jones, Gründungsmitglied und Gitarrist der „Rolling Stones“.

„Ein Geschenk Gottes“.

Zorbas ist bekannt für seine fotorealistischen Arbeiten. Der Grieche ist einer der Shooting-Stars in der europäischen Tattoo-Szene und gilt mit seinen 25 Jahren bereits als einer der Besten seiner Zunft. Vor einigen Jahren las er ein Interview mit einem bekannten Tätowierer. „Wenn dir jemand seine Haut zur Verfügung stellt, damit du dich darauf verewigst“, sagte der Künstler, „dann ist das ein Geschenk Gottes.“

Für Zorbas, der bis dahin nichts mit Kunst am Hut hatte, war es wie ein Erweckungserlebnis. Als er sein Idol traf, hoffte er, dass er bei dem Meister in die Lehre gehen könnte. „Aber erst nach drei Jahren, in denen ich viele meiner Freunde kostenlos tätowiert habe, um das Handwerk zu erlernen, hat er mich als Schüler akzeptiert und zwei Jahre lang mit mir gearbeitet.“

Sabrina Raab wuchs nicht weit von dem Piercing- und Tattoo-Studio Stitch auf. Als sie die Schule beendet hatte, machte sie dort ihre Ausbildung.

Zorbas ist nur einer von mehreren europäischen Tattoo-Artists, die regelmäßig bei Stitch in Mainz gastieren. Der Laden im Herzen von Bretzenheim hat sich in den vergangenen Jahren zu einem überregionalen Anlaufpunkt in der Rhein-Main-Region entwickelt. Termine sind meist schon Wochen im Voraus ausgebucht. Stitch-Chef Marvin Wedrich ist gut vernetzt. Über seine zweite Leidenschaft, das BMX-Fahren, lernte er vor vielen Jahren Konstantinos Dovas kennen, durch den er Kontakt zur griechischen Tattoo-Szene erhielt, und besucht seitdem regelmäßig Tattoo Conventions, auf denen sich die Besten ihres Fachs messen.

Ein Leben in Bildern.

Wedrich ist wie eine wandelnde Werbesäule. Von den Beinen über die Arme bis zum Kopf schlängeln sich die Tattoos um seinen Körper, die sich im Laufe von 23 Jahren gesammelt haben. „Jedes meiner Tattoos steht für eine Lebensphase“, sagt der 41-Jährige. Im Alter von sieben Jahren sah er im Mombacher Schwimmbad einen Mann, der am ganzen Körper tätowiert war – damals noch eine Seltenheit. Zu Hause malte sich der kleine Marvin mit dem Edding ein Messer auf den Arm. „Meine Mutter war gar nicht begeistert und hat es mit Scheuermilch entfernt“, erinnert er sich. Und eine Warnung hatte sie auch: „Ein echtes Tattoo tut noch mehr weh.“

Das Dream-Team von Stitch: Inhaber Marvin Wedrich und seine Mitarbeiterin Sabrina Raab.

Auch bei der Wahl seines Autos mag es Wedrich unkonventionell: Der gelernte Kfz-Mechaniker fährt einen smart fortwo.

Aber wie das so ist, wenn Mütter ihre Söhne warnen, so ließ sich auch der kleine Marvin nicht abhalten und hegte und pflegte seinen Traum im Stillen weiter. Mit 18 Jahren ließ sich Wedrich sein erstes Tattoo stechen, ein „Tribal“, ein Stammesmotiv, wie sie in den 1990er-Jahren total angesagt waren. „Das würde ich mir heute nicht mehr machen lassen. Aber wegmachen kommt nicht infrage.“

Gezeichnet für die Ewigkeit.

Später lernte der ausgebildete Kfz-Mechaniker das Piercen, arbeitete in verschiedenen Studios und für Magazine, ehe er sein Studio in Bretzenheim eröffnete. Bis heute sind Piercings seine wahre Leidenschaft und machen den Löwenanteil des Geschäfts aus. Sabrina Raab hat das Handwerk bei ihm gelernt und ist inzwischen seine rechte Hand. Wenn die beiden auf ihrer Facebook-Seite wieder einen Piercing-Tag ankündigen, an dem man auch ohne Termin vorbeikommen kann, stehen schon mal 300 Leute und mehr vor dem Laden Schlange. Zu später Stunde, wenn alle Kunden den Laden verlassen haben, kann es vorkommen, dass Wedrich und Raab auch noch mal zur Tätowiermaschine greifen, um sich gegenseitig zu tätowieren.

Hallo Marvin, was für Leute kommen zu euch, um sich tätowieren oder piercen zu lassen?

Das geht quer durch alle Schichten. Zu uns kommen auch Banker, die unterm Business-Hemd von oben bis unten tätowiert sind. Unser ältester Kunde ist Mitte 60 und erfüllt sich jetzt, wo er im Ruhestand ist, den Traum vom Tattoo. Klar ist: Bei uns wird erst ab 18 Jahren tätowiert, selbst wenn die Eltern es früher erlauben würden. Piercings gibt es ab dem erreichten 14. Lebensjahr und dann auch nur im Beisein eines Elternteiles. Bei Jugendlichen ab dem 16. Lebensjahr reicht eine Einverständniserklärung mit einer gültigen Kopie des Personalausweises des Erziehungsberechtigten.

Warum so streng?

Ein Tattoo ist eine Lebensentscheidung – selbst wenn man sie inzwischen entfernen kann. Es gibt auch Kunden, die müssen wir vor sich selbst schützen und beraten. Wir stechen auch nicht alles. Manche haben auf ihrem Körper schon mit 19 Jahren keinen Platz mehr für weitere Motive. Ich mag es mehr, wenn Tattoos nach und nach wachsen und eine Story erzählen.

Woher habt ihr die Ideen für die Motive?

Die meisten Leute kommen schon mit konkreten Vorstellungen und Bildern zu uns. Im Trend sind momentan Schreibfedern mit einem Unendlichkeitszeichen. In Mainz sind auch Fastnachtsmotive gerne gesehen. Und natürlich der Dauerbrenner: das Herz.

Wie läuft eine Sitzung ab?

Vor dem eigentlichen Tag findet eine Vorbesprechung mit dem Kunden statt. Am Tag selbst projizieren wir ein Foto des Motivs auf den Arm und kleben alles ab, ehe der Tätowierer ans Werk geht.

„Ich mag es, wenn Tattoos nach und nach wachsen und eine Story erzählen.“

Marvin Wedrich

Allzu häufig kann Marvin Wedrich seinen smart nicht nutzen: Bis heute lebt er in seinem Geburtsort Bretzenheim, wo sich auch das Tattoo-Studio befindet.

Tut es sehr weh?

Das hängt von den Körperteilen ab. Schmerzen sind für die meisten ein notwendiges Übel. Inzwischen sind die Nadeln aber viel feiner als früher, und im Ernstfall hilft Eisspray. Ich habe übrigens festgestellt, dass Männer viel schmerzempfindlicher sind als Frauen – da nehme ich mich nicht aus.

Worauf sollte ich als Kunde bei der Wahl des Tattoo-Studios achten?

Das Problem ist, dass Tätowierer und Piercer keine geschützten Begriffe sind. Theoretisch kann das jeder machen. Bei uns haben alle ihr Handwerk von der Pike auf gelernt. Wir besuchen regelmäßig Lehrgänge, und keiner von uns macht alles – entweder Piercings oder Tattoos. Darüber hinaus ist Sauberkeit extrem wichtig, um die Gefahr von Entzündungen zu minimieren. Wir haben im Keller extra einen Raum, wo wir alle Instrumente wie in einem Krankenhaus vor dem Einsatz sterilisieren.

Warum sitzt ihr eigentlich im beschaulichen Bretzenheim und nicht an einem Hotspot wie der Neustadt?

Für uns ist die Lage optimal: Die Uni ist nur wenige Minuten entfernt. Außerdem komme ich aus Bretzenheim und mag den Ort. Ich hätte mir früher auch vorstellen können, woanders zu leben, zum Beispiel in Griechenland oder Spanien. Aber ich bin halt auch eine Familienglucke.

Hat sich deine Mutter eigentlich inzwischen mit deinen Tattoos angefreundet?

Begeistert ist sie bis heute nicht. Aber es haben sich schon einige Mitglieder aus meiner Familie bei uns tätowieren lassen und fast alle sind gepierct.

Stitch Tattoo

Piercing – Tattoo-Entfernung
Bahnstraße 2
55128 Mainz

Fotos: © Alex Kraus